Menschen verstehen – Seelenalter

Menschsein bedeutet, sich auf der Erde in einem hominiden Körper dem Leben zu stellen. Dies birgt viele Herausforderungen, wie z.B. die Bereitschaft sich der Vereinzelung zu stellen, das Bewohnen eines verwundbaren Körpers, sich der Begrenztheit von Raum und Zeit anzuvertrauen sowie sich dem unablässigen Treffen von Entscheidungen auszusetzen.

Die aus dieser Reise resultierende, umfassende Erkenntnis und Liebesfähigkeit kann nicht in einem einzigen Leben erlangt werden. So inkarniert die Seele mehrfach in verschiedene menschliche Körper. Innerhalb dieser Reise unterscheidet man fünf verschiedene Stufen:

  1. Säuglingsseele
  2. Kindseele
  3. Junge Seele
  4. Reife Seele
  5. Alte Seele

Das Seelenalter ist keine Bezeichnung für den Wert einer Seele; jedoch gibt es auf verschiedenen Altersstufen unterschiedliche Bedürfnisse, die jeweils bezeichnend sind.

1. Die Säuglingsseele

Im ersten Leben in einem menschlichen Körper ist erst einmal alles anders: einen Körper zu haben, der Bedürfnisse hat, vergänglich und verletzlich ist, die Möglichkeit und Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen (und die Konsequenzen daraus zu tragen), das Leben in seiner ganzen Polarität anzunehmen.

Auf dieser frühen Stufe liegen moralische Forderungen und Verantwortlichkeit außerhalb der Möglichkeiten eines Menschen. Meldungen von einer Mutter, die ihr Kind in eine Tiefkühltruhe gelegt hat, gehören zu dieser Stufe, da es einer Säuglingsseele noch nicht möglich ist, ihre Nachkommen als ihr zugehörig zu begreifen.

In religiöser Sicht fühlen sich Säuglingsseelen vom Animismus angezogen: Alles ist belebt und lebendig. Überall gibt es Geister und Götter, die wirken und walten und mit denen man sich gutstellen muss, um zu überleben.

Säuglingsseelen inkarnieren bevorzugt in Südamerika und Afrika. Neben einer für sie passenden Kultur finden sie dort auch die Möglichkeit, den Körper schnell und ohne viel Aufsehens wieder zu verlassen.

2. Die Kindseele

In diesem Abschnitt der Entfaltung geht es darum, sich mehr und mehr als ein Individuum zu erfahren, erste Erfahrungen von Ich und Getrenntsein werden gemacht, Kreativität und Selbständigkeit werden entwickelt.

Kindseelen sind noch nicht fähig, empathisch oder verantwortungsvoll zu sein. Sie können sich weder in andere hineinversetzen, noch die Folgen ihrer Handlung richtig abschätzen. Sie leben von heute auf morgen, und schon die Investition in das Übermorgen bereitet ihnen Schwierigkeiten. Sie brauchen Berufe, die keine wesentliche Eigenverantwortung erfordern.

Kindseelen sind sowohl liebevoll als auch angstvoll, jedoch ohne es zu wissen. Sie können von einer Minute auf die andere umschlagen, so wie ein Kind sich mit einem Insekt liebevoll beschäftigt und es dann plötzlich aus Neugier zerlegt.

Ihre Religion ist der Polytheismus, in der übermenschliche Götter durch Tier- oder Menschenopfer besänftigt werden müssen, um das Überleben zu gewährleisten. In Hochkulturen bilden Kindseelen sehr expressive, künstlerische Kunst- und Bauwerke, wie sie z.B. in der hinduistischen Religion zu finden sind.

Man findet Kindseelen vor allem in Asien mit seinen bunten und spielerischen Ausdrucksformen.

3. Die Junge Seele

In diesem Abschnitt seelischer Entwicklung geht es vor allem darum, sich als Gestalter des eigenen Lebens zu begreifen: „Man muss nur wollen“ ist der Leitsatz. Ichstärke, Durchsetzungskraft, Erfolg, Reichtum, Anerkennung, Schönheit und Macht sind erstrebenswert. Das Weltbild ist schwarz-weiß gezeichnet in gut-böse, richtig-falsch (wobei sich diese Einfachheit gegen Ende des Jungen Zyklus langsam aufzulösen beginnt).

Fortschritt und das Mantra des „Mehr“ werden verfolgt. Die Junge Seele neigt dazu, sich allmächtig zu fühlen, und sie bewegt tatsächlich auch viel: sie erschafft, erobert, baut auf und erforscht.

Psychologisches wird skeptisch beäugt. Wenn es Probleme gibt, sind diese da gelöst zu werden. Die Frage „Wer bin ich“ dient vor allem dazu, die eigene Stärke zu messen. Junge Seelen sind stark auf Spiegelungen angewiesen in Form von Bestätigung und Widerspruch.

Moral und Sittlichkeit spielen während des gesamten Zyklus eine Rolle. Die existierenden Regeln abzulehnen und zu durchbrechen, gegen sie zu rebellieren und sich unmoralisch zu verhalten, gehört zu den notwendigen Entwicklungsschritten. Eine Kindseele weiß oft nicht, was von ihr verlangt wird; Junge Seelen jedoch erzeugen bewusst Widerstand und Opposition.

Zu Beginn des jungen Seelenzyklus ist die vorherrschende Religion häufig noch der Ahnenkult, später werden strenge Formen des Monotheismus (wie sie im Christentum, Islam, Judentum zu finden sind) bevorzugt. Eindeutige Wahrheiten mit entsprechenden Regeln und Hierarchien sind auf dieser Stufe wichtig. Junge Seelen kämpfen für ihre Überzeugungen – mit Gott an ihrer Seite.

Nordamerika z.B. ist ein Land mit vielen Jungen Seelen, aber auch in Europa machen sie die Mehrheit der Bevölkerung aus. Donald Trump z.B. ist eine Junge Seele. Er erfüllt seine Seelenaufgabe „Ich gestalte meine Welt, wie es mir gefällt“ darin, seine Macht zu maximieren und umfassende Spuren in der Welt zu hinterlassen.

4. Die Reife Seele

Der Beginn des reifen Zyklus ist mit Verwirrung verbunden: die Reife Seele entdeckt eine neue Welt. Nach dem Zenit der äußeren Entfaltung gegen Ende des jungen Zyklus wendet sich der Blick nun nach innen. Der Mensch beginnt, sich selbst zu erforschen, zu hinterfragen, entdeckt Abgründe und die Dunkelheit der Psyche. Die rechte Dosis ist entscheidend.

Für die eigenen Handlungen „Verantwortung zu empfinden“ ist das Hauptthema dieses Zyklus. Die Reife Seele tut dies in einem Umfang, der der Jungen Seele fremd ist und den die Alte Seele später wieder abstreift.

Probleme werden als Quelle der Persönlichkeitsentwicklung plötzlich interessant. Sie werden in allen Bereichen zum Wachstum genutzt (Beziehung, Arbeit, Besitz, Gesundheit, Erfolg). Die Themen kreisen um Schuld, Abhängigkeit und Vertrauen.

Karmische Fesseln aus dem jungen Zyklus werden nach und nach gelöst. Lieblosigkeit wird immer schwerer ertragbar, und Sexualität dient immer mehr dazu, einem anderen Menschen wirklich nahe zu kommen.

Reife Seelen kennen und erleben bewusste Phasen stillen Glücks mehr als andere Altersstufen: während die Junge Seele ihr Glück stets in einer fernen Zukunft sieht, sehnt sich die Alte Seele so sehr nach einem jenseitigen Glück, dass sie selten mit dem aktuellen Leben zufrieden sein kann.

Die religiöse Haltung drückt sich zu Beginn des Zyklus oft in Atheismus aus. Später findet die Reife Seele in monotheistischen Religionen eine Form, die es ihr ermöglicht, ihre eigenen, individuellen Bezüge zum göttlichen Prinzip in sich zu erkunden.

In Europa und einigen Provinzen Chinas gibt es eine größere Menge Reifer Seelen. Angela Merkel beispielsweise ist eine Reife Seele, die mit dem Thema „Aus Liebe auf Wesentliches verzichten“ dem deutschen Staat hingebungsvoll dient.

5. Die Alte Seele

Der letzte Abschnitt seelischer Entfaltung in einem Körper steht unter dem Stern der Individuation. Zu Beginn des alten Zyklus wird sich von den Ansprüchen der Gesellschaft gelöst. Es werden mehr und mehr Erfahrungen von Alleinsein gemacht, die oft auch Einsamkeit bedeuten. Die eigene Wahrheit zu leben wird immer wichtiger, während die Bereitschaft sich anzupassen immer mehr sinkt.

So finden man Alte Seelen oft unter Umständen, in denen man sie nicht sofort vermuten würde: als Obdachlose auf der Straße (die nicht mehr die Energie aufbringen mögen, sich in gesellschaftliche Formen und Erwartungen zu fügen), aber auch als einfacher Schafhirte (der in der Natur und im Umgang mit den Tieren seine Anbindung an die Göttlichkeit lebt).

Während die Reife Seele die Innenschau aktiv betreibt und sich gerne Unterstützung holt (Therapeuten), geschieht dies im alten Zyklus eher automatisch in Phasen der Muße und des Nichtstuns.

Das Sein gewinnt gegenüber dem Tun immer mehr an Bedeutung; die Alte Seele wirkt vor allem durch Ausstrahlung und Geschehenlassen. Hierzu gehört auch, dass eine Alte Seele sich gelegentliche Phasen eigener Lieblosigkeit nicht mehr verbietet, auch wenn diese ihr meist recht weh tun, da sie doch weiß, über welches Liebespotential sie verfügt.

Der Körper wird immer durchlässiger und empfindlicher, Umweltbedingungen bereiten ihm immer mehr Probleme. Die Anforderungen des Körpers und auch die von Beziehungen empfindet die Alte Seele immer mehr als lästig.

Gelebte Spiritualität löst dogmatische Religiosität ab. Oft wird eine direkte Erfahrung des Angebundenseins an das Göttliche gesucht. Bewusstes Erleben dieser Verbindung mit dem Allganzen schafft wiederkehrende Phasen höchster Verzückung.

Alte Seelen sind in Peru und Mexiko vermehrt vorhanden. Insgesamt gibt es aktuell wenig Alte Seelen auf der Welt. Im Gegensatz dazu verfügten einige versunkene Hochkulturen über einen sehr hohen Anteil Alter Seelen (Azteken, Ägypter). Die technischen Glanzleistungen in diesen Gemeinschaften jedoch wurden von den wenigen verbleibenden Jungen und Reifen Seelen vollbracht unter Zuhilfenahme des Wissens der Alten Seelen.

Albert Schweitzer war eine Alte Seele mit der Aufgabe „Das Wohl der Gemeinschaft mit dem eigenen Wohl verbinden“ sowie Nelson Mandela („Durch Sein wirken und auf Tun verzichten“).

Ich und Selbst

Die Seele ist das Prinzip der Entwicklung; sie reift von Stufe zu Stufe, unentwegt und wertfrei. Ihr macht es nichts, dass manche Entfaltungswege mehr Zeit brauchen als andere (insges. für alle Stufen zwischen 70-110 Leben).

Was seelische Entscheidung innerhalb des Inkarnationszyklus angeht, hat der jeweilige Mensch (das Ich) wenig Mitspracherecht. Er kann die Entwicklung nur annehmen oder ablehnen, aber nicht verhindern. Das ist für den Menschen mitunter schwer zu verstehen bzw. zu integrieren („Warum passiert mir das?“). Doch es hat auch sein Gutes:

Während des gesamten Inkarnationszyklus spendet die seelische Entwicklung dem Menschen Sinn und Orientierung, egal ob es bewusst erlebt wird oder nicht.

„Das Abschließen des Inkarnationszyklus kann weder angestrebt noch vermieden werden. Erfolg und Misserfolg sind keine Kriterien, wenn es um die Frage geht, ob ein Mensch sich noch einmal inkarniert.“ („Welten der Seele“, Hasselmann, S. 278)

Danksagung

Mir hat die Lehre von der Seele viel Entspannung und Verständnis für die Vorgänge in der Welt gebracht und auch für meine eigenen. Möge sie auch Ihnen dienen. Vielen Dank and die unermüdliche Arbeit der Autoren:

Wenn Sie interessiert sind, das Thema zu vertiefen sind Sie meiner Meinung nach mit dem Buch Welten der Seele, Hasselmann, Schmolke, München, 1993 oder Wege der Seele, Hasselmann, Schmolke, München, 2002 am besten beraten.

Obenstehender Artikel entstand aber auch und vor allem mit Informationen aus Archetypen der Seele, Hasselmann, Schmolke, München, 1993 und Junge Seelen – Alte Seelen, Hasselmann, Schmolke, München, 2016, die beide für den Einstieg schwere Kost sind. Vielen Dank auch an Marion Lockert (sinnundsein.me) für einige Anregungen.

Weiterführend noch ein Video über Varda Hasselmann.