Alle: Raum für Schmerz

Ein Tagebuch zum Umgang mit Schmerz. Als Unterstützung für alle Menschen, die im November 2020 ebenfalls durch Schmerz gehen und sich Anregungen wünschen, damit umzugehen.

Raum für Schmerz

Ein Tagebuch zum Umgang mit Schmerz. Als Unterstützung für alle Menschen, die im November 2020 ebenfalls durch Schmerz gehen und sich Anregungen wünschen, damit umzugehen. Erster Eintrag:
 

Ich bin (überraschend) schockiert als ich die Nachricht über die Novemberaktion der Bundesregierung erfahren habe (neue Maßnahmen zur Eindämmung).

Habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Tagen und Wochen wieder besonders um mich und mein nahes Umfeld zu kümmern: Spazierengehen, gut kochen, mitfühlende Gespräche führen, die Wohnung aufräumen, die Wohnung schön gestalten, warme Bäder nehmen, barocke Musik hören und Tee trinken.

 
Unten rechts geht es weiter (s. Link). – Dieser Text ist Teil des Zyklus „Raum für Schmerz“ im November 2020. Hier der Beginn des Zyklus.

 
 

Unfälle

Ich bin betroffen aufgewacht, mache mir mein Müsli und achte besonders darauf, mich nicht zu schneiden, da ich merke, dass ich in Schmerz bin. Das sind immer gefährliche Zeiten, in denen man sich leicht verletzen oder verunfallen kann. Ich achte auf mich.

 
 

Ein Loch

Gestern abend bin ich tief in den Schmerz gerutscht. Ich konnte mich da auch nicht mehr halten, es tat einfach alles weh. Habe dann auch „unvernünftig“ agiert und mich abgelenkt und versucht den Schmerz wegzudrücken, aber flüchten geht halt nicht.

Bin in der Nacht aufgewacht mit Leidensdruck und habe dann Übungen gemacht, mich gesammelt und begonnen, mich dem Schmerz zu stellen. Ich bin um den Block gegangen, bin in die Angst reingegangen, habe sie gespürt („Wovor habe ich wirklich Angst?“), durch meinen Körper strömen lassen und durch die Füße abfließen lassen. Ich habe aktiv losgelassen. Da hat gut getan, danach war das Weiterschlafen angenehmer.

Kleine Dinge sind jetzt gut. Zwar wirken sie zuerst wie Tropfen auf einen heißen Stein, aber jetzt, wo ich durch den heftigsten Schmerz durch bin, spüre ich, wie gut sie tun: Rolf hat mir gestern neue rote Lichtfolie gegeben, mit der ich die in die Jahre gekommene, verblichene Folie auf meinen „Atmosphären“-Leuchten in der Wohnung ersetzen kann. Das tut mir jetzt wirklich gut. Wie ein Pflaster auf einer frischen Wunde. 🙂

 
 

Umgang mit Schmerz

Ein Tagebuch zum Thema „Raum für Schmerz“? Wie geht man mit Schmerz um? Ist es gut, ihm viel Aufmerksamkeit zu widmen, sich gar in Schmerz zu suhlen oder ignoriert man ihn am besten und beschäftigt sich lieber mit Positivem, mit der Freude am Leben? Selbstkritische Fragen…

Es macht weder Sinn, vorm Schmerz zu flüchten, ihn wegzudrücken und aktiv zu ignorieren, noch sich den ganzen Tag damit zu beschäftigen. Wenn er an deine Türe klopft, lass ihn rein, wenn der Zeitpunkt passend ist. Gib ihm einen bestimmten Raum in deinem Tag. Beschäftige dich intensiv mit ihm für einige Minuten oder Viertelstunden und wende dich dann wieder dem aktuellen Leben und dem Lebendigsein zu. Schmerz möchte gewertschätzt werden in seiner Existenz, möchte umarmt und gesehen/gefühlt werden, aber man muss ihm auch sagen, wenn seine Zeit vorbei ist und es wieder gilt, sich dem Leben zuzuwenden. Es ist eine Balance, die es Freude macht, zu finden.

 
 

Meine Übungen

Der Schmerz klopft aktuell immer wieder an. Ich fühle mich unwohl, habe auch körperliche Beschwerden an meiner individuellen Stelle, die bei jedem Menschen woanders ist und die der Körper nutzt, um mit mir zu kommunizieren.

Es tut mir aktuell gut, meine Übungen zu machen (die bei jedem anders aussehen können). Dem Schmerz täglich einen Raum zu geben, in dem ich mich mit ihm beschäftige: aktiv, liebevoll, aufmerksam, zugewandt. Dann fällt es mir umso leichter, mich außerhalb dieser Zeiten ihm nur halbherzig zuzuwenden, ohne schlechtes Gewissen. Außerdem sind die Beschwerden dann geringer, weil er weniger laut rufen muss.

 
 

Er geht

So wie er gekommen ist, ist er heute Nacht auch wieder gegangen. Ich spüre innerlich, dass ich jetzt durch bin. Zwei Wochen hat es gedauert. Irgendwann wird wieder eine weitere Phase im Leben kommen, aber darum muss ich mich nicht kümmern und davon muss ich mich auch nicht angegriffen fühlen.

Mir ist erneut klar geworden, dass Schmerz keine Bestrafung und Demütigung ist (interessant wie man so seinen Glaubenssätzen immer wieder auf die Schliche kommt) 🙂 Ich kann wieder fühlen, alles im Leben dient. Wenn ich den Sinn nicht mehr sehen muss, kommt der Sinn (jenseits des Verstandes) zu mir.

Dankbarkeit scheint mir jetzt angemessen. Ich gehe aktiv fünf Minuten in die Dankbarkeit, als Abschlussritual und aus reiner Freude.

 
 

Warum ist Schmerz auf dieser Welt?

Die Frage, warum Schmerz auf dieser Welt ist, ist eine, die dich viele Jahre schon beschäftigt, und wir können diese insofern beantworten, als dass Schmerz dient, Wunden wahrzunehmen, Verletzungen wahrzunehmen, die im System gespeichert sind, die im System vorhanden sind und lebendig sind, und je mehr du den Schmerz zulassen kannst, wenn er denn da ist, desto leichter wird es dir fallen, diese Wunden wahrzunehmen und sich angemessen und entsprechend den Bedürfnissen deines Systems (deines Körpers, deiner Psyche, deines Geistes und deines Menschseins) zu verhalten.

Schmerz dient also der Aufmerksamkeit für eine Belastung im System, die gelöst werden möchte oder gelöst wird, denn Schmerzen können verdrängt oder ignoriert werden in einer Art, dass sie viele Jahre nicht wahrnehmbar sind und im Unbewussten wirken, aber wenn sie sich zeigen, ist es gut, sie auch wahrzunehmen. So, wie du schon gesagt hast, ist Schmerz im Prinzip aber auch ein Fass ohne Boden, das sich öffnet, wenn man sich bereit erklärt, hinzuschauen und hinzuspüren. Und sich dort drin nicht zu verlieren, sondern immer wieder auch zurückzutreten von dem weinerlichen, von dem leidenden und dem gequälten Ausdruck des Menschseins ist Voraussetzung und Gewährleistung für eine Heilung.

Die Heilung findet statt, sobald der Schmerz angenommen und transformiert wird, wobei transformieren die Aufgabe der Seele ist und abgegeben werden kann vom Menschen. Die wirkliche Aufgabe des Menschen ist es, präsent zu sein und die Balance zu finden, die den Schmerz weder verleugnet noch verherrlicht, was beides einen psychischen Gewinn bringen kann.

Insofern ist Schmerz für euch eine Bewegung, die zum Menschsein gehört, aber die einfach wie Angst auch einen Hinweis ist auf eine Bewegung in eurem System, die in ihrer Neutralität keine Unwichtigkeit darstellt, sondern vielmehr bedeutet, sie eine Unterstützung für den Prozess ist, der seelisch gewollt ist.

Schmerz ist also ein faszinierendes, abschreckendes und herausforderndes Thema, was sich genau wie der Tod oder das Sterben immer wieder einmal lohnt zu betrachten.